Der letzte Wunsch eines Friedensboten: Enrico Macias (86) bereitet sich auf den Abschied vor und sehnt sich nach seiner algerischen Heimat

Enrico Macias, mit bürgerlichem Namen Gaston Ghrenassia, ist weit mehr als nur ein Sänger. Er ist eine lebende Legende der französisch-orientalischen Musik, ein Symbol für die Verschmelzung der Kulturen und ein unermüdlicher Botschafter des Friedens. Doch heute, im Alter von 86 Jahren, scheint der Künstler am Abend seines Lebens angekommen zu sein. In einem Moment seltener Offenheit hat er eine Beichte abgelegt, die seine Fans weltweit tief bewegt: Er bereitet sich darauf vor, „diese Welt zu verlassen“, und hegt dabei einen letzten, brennenden Wunsch, der eine lebenslange Wunde schließen soll.
Eine Stimme des Exils und der Resilienz
Seit Jahrzehnten verzaubert Macias sein Publikum mit Melodien, die tief in seinen algerischen Wurzeln und der mediterranen Kultur verwurzelt sind. Sein Leben war geprägt von großen Erfolgen, aber auch von schmerzhaften Verlusten. Das traumatische Exil aus Algerien im Jahr 1961 und der Tod seiner geliebten Ehefrau Suzy im Jahr 2008 haben tiefe Spuren hinterlassen. Trotz dieser Prüfungen hat er stets eine bewundernswerte Resilienz bewiesen. Sein unermüdliches Engagement für Toleranz und Völkerverständigung hat Generationen geprägt.
Doch nun, am Ende seines Weges, äußert er ein Verlangen, das viele überrascht: Er möchte in seiner Heimat Algerien begraben werden. Es ist die Erde, die er 1961 unter dramatischen Umständen verlassen musste und die er seither nie wieder betreten durfte. „Mein ganzes Leben lang habe ich von Algerien gesungen; ich habe diese Nostalgie in meinem Herzen getragen. Heute möchte ich einfach diesen Frieden finden, indem ich dort ruhe“, erklärte er in einem kürzlich geführten Interview.
Die schmerzhafte Trennung von 1961
Um die Tiefe dieses Wunsches zu verstehen, muss man in das Jahr 1961 zurückblicken. Inmitten der Wirren des algerischen Unabhängigkeitskrieges sahen sich Macias und seine Familie gezwungen, ihre Heimatstadt Constantine zu verlassen. Es war der 29. Juli 1961, als sie die schwere Entscheidung trafen, alles hinter sich zu lassen – ihre Erinnerungen, ihre Kultur und das Licht des Mittelmeers. Gemeinsam mit Hunderttausenden anderen algerischen Juden und „Pieds-Noirs“ überquerten sie das Meer in Richtung Frankreich, ein Land, das zwar Zuflucht bot, aber auch die Ungewissheit des Exils bedeutete.
Für Macias war dieser Abschied ein regelrechter Riss in seiner Seele. Seine Musik wurde zu seinem Ventil, zu einem ewigen Gesang der Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies. Zeilen wie „J’ai quitté mon pays, j’ai quitté ma maison“ (Ich habe mein Land verlassen, ich habe mein Haus verlassen) wurden zur Hymne einer ganzen Generation von Vertriebenen.
Ein politisches und menschliches Dilemma

Obwohl sein Wunsch aus rein menschlicher Sicht verständlich ist, gestaltet sich die Umsetzung als äußerst schwierig. Die Beziehungen zwischen Enrico Macias und den algerischen Behörden sind seit Jahrzehnten angespannt. Seine unerschütterliche Unterstützung für die Gemeinschaft der Pieds-Noirs und seine Haltung zu politischen Themen haben oft Kontroversen ausgelöst. Dennoch gibt es Stimmen, auch in Algerien, die dazu aufrufen, den letzten Wunsch des Künstlers zu respektieren. Intellektuelle und Künstler plädieren dafür, dass Kunst und Musik über politischen Spaltungen stehen sollten.
Macias selbst möchte für seine Rückkehr nicht die Hilfe von Präsidenten in Anspruch nehmen. „Ich möchte, dass dies zwischen Algerien und mir geschieht“, betont er. Er hegt keinen Groll gegen diejenigen, die ihm die Rückkehr bisher verwehrt haben. „Ich vergebe ihnen“, sagt er mit der Weisheit eines Mannes, der weiß, dass seine Zeit begrenzt ist. Er wartet auf die eine Gelegenheit, diesen schmerzhaften Kreis seines Lebens zu schließen.
Inspiration durch Weggefährten
Macias ist mit seinem Traum nicht allein. Ein anderer großer Name der französischen Musik, Patrick Bruel, teilte eine ähnliche Geschichte. Bruel, der Algerien als kleiner Junge verlassen musste, konnte seinen Traum bereits verwirklichen. Im Jahr 2023 kehrte er für fünf Tage mit seiner Mutter in seine Geburtsstadt Tlemcen zurück – ein Moment von höchstem symbolischem Wert. Für Macias bleibt dieser Erfolg bisher nur eine Hoffnung, ein ferner Stern am Horizont.
Ein Vermächtnis der Versöhnung
Egal, ob es ihm vergönnt sein wird, in algerischer Erde seine letzte Ruhe zu finden oder nicht, Enrico Macias wird als ein Bote des Friedens in die Geschichte eingehen. Sein Erbe ist die Musik, die Völker versöhnt und Brücken baut, wo Mauern stehen. Sein letzter Wunsch ist nicht nur ein persönliches Bedürfnis, sondern ein Schrei nach Versöhnung und ein Zeugnis für die unzerbrechliche Liebe zu seinen Wurzeln. Bis zu seinem letzten Atemzug wird er das bleiben, was er immer war: ein Wanderer zwischen den Welten, der in seinen Liedern die Heimat für uns alle bewahrt hat.
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